Bei Themeninvestments gibt es ein bekanntes Problem:
Der richtige Trend allein reicht nicht. Man muss ihn auch zum richtigen Zeitpunkt besitzen.
Künstliche Intelligenz kann ein langfristiger Megatrend sein – trotzdem können AI-Aktien zwischenzeitlich massiv überbewertet sein.
Dasselbe gilt für Robotik, Cybersecurity, Verteidigung, Energiewende, Digitalisierung, Healthcare oder andere strukturelle Wachstumsthemen.
Wer mehrere Themen-ETFs selbst verwaltet, muss deshalb ständig entscheiden:
- Welcher Trend gewinnt gerade an Dynamik?
- Welche Bewertungen sind bereits zu hoch?
- Wo verbessern sich Fundamentaldaten?
- Welche Unternehmen profitieren tatsächlich?
- Wann sollte Kapital von einem Thema in ein anderes verschoben werden?
Genau hier setzt der iShares World Thematic Rotation Active UCITS ETF (THRW) an.
Der ETF versucht nicht, einen einzelnen Megatrend abzubilden.
Er versucht vielmehr, zwischen verschiedenen Megatrends zu rotieren.
Und das macht THRW zu einem der interessanteren neuen ETF-Konzepte des Jahres 2026.
Was ist THRW?
THRW steht für den iShares World Thematic Rotation Active UCITS ETF.
Der Fonds wurde von BlackRock am 16. Juni 2026 aufgelegt und investiert weltweit in Unternehmen aus entwickelten Märkten.
Das Anlageziel ist langfristiges Kapitalwachstum.
Der entscheidende Unterschied zu klassischen ETFs:
THRW bildet keinen starren Index ab.
BlackRock verwaltet das Portfolio aktiv und verwendet ein eigenes systematisches Modell, um relevante Trends und Unternehmen zu identifizieren.
Dabei kommen laut BlackRock unter anderem:
- umfangreiche Datenanalyse
- quantitative Modelle
- künstliche Intelligenz
- Large Language Models
- systematische Themenbewertung
- aktives Risikomanagement
zum Einsatz.
Das Konzept lässt sich vereinfacht so beschreiben:
Nicht einen Megatrend kaufen und zehn Jahre warten – sondern versuchen, laufend in die attraktivsten Trends zu wechseln.
Warum ist dieser Ansatz interessant?
Klassische Themen-ETFs haben häufig einen strukturellen Nachteil.
Nehmen wir einen hypothetischen AI-ETF.
Steigt das Interesse an künstlicher Intelligenz massiv, fliessen immer grössere Summen in die entsprechenden Aktien. Bewertungen steigen und irgendwann bezahlt der Anleger möglicherweise einen sehr hohen Preis für einen grundsätzlich richtigen langfristigen Trend.
Ein starrer ETF macht trotzdem weiter.
Er besitzt weiterhin dieselben Unternehmen, weil sein Index genau das vorgibt.
THRW soll flexibler reagieren können.
Wenn ein Thema an Attraktivität verliert und ein anderes stärker wird, kann das Portfolio entsprechend angepasst werden.
Theoretisch könnte THRW beispielsweise Kapital zwischen Bereichen wie:
- künstliche Intelligenz
- Digitalisierung
- Automatisierung
- neue Finanztechnologien
- Healthcare
- Energie
- Infrastruktur
- Konsumtrends
- Sicherheit und Verteidigung
verschieben.
Welche Themen tatsächlich im Portfolio dominieren, ist dabei nicht dauerhaft festgelegt.
Genau diese Flexibilität ist der Kern der Strategie.
Mehr als 300 Aktien statt konzentrierter Themenwette
Interessant ist auch die Anzahl der Positionen.
THRW hielt Anfang September bereits rund 307 verschiedene Wertpapiere.
Damit unterscheidet sich der ETF deutlich von vielen klassischen Themenfonds, die teilweise nur 30, 40 oder 50 Unternehmen besitzen.
Die aktuelle Sektorverteilung zeigt ebenfalls, dass THRW relativ breit aufgestellt ist.
Per 9. September 2026 entfielen ungefähr:
- 32,5 % auf Informationstechnologie
- 19,4 % auf Finanzwerte
- 13,1 % auf Industrie
- 8,0 % auf zyklischen Konsum
- 7,5 % auf Gesundheit
- 6,6 % auf Kommunikation
- 5,5 % auf Energie
Weitere kleinere Positionen verteilen sich auf Basiskonsum, Rohstoffe und Versorger.
Technologie ist damit zwar der grösste Sektor, THRW ist aber kein verkappter Nasdaq-ETF.
Besonders auffällig ist beispielsweise die hohe Gewichtung von Finanzunternehmen.
Das zeigt bereits, dass das Modell nicht einfach die momentan populärsten AI-Aktien zusammenstellt.
Der MSCI World bleibt die Messlatte
BlackRock verwendet den MSCI World Net Index als sogenannte Constraint Benchmark.
Das ist interessant, weil sich THRW damit letztlich an einem der wichtigsten globalen Aktienindizes messen lassen muss.
Die entscheidende langfristige Frage lautet deshalb nicht:
Kann THRW steigen?
Das können Aktienmärkte grundsätzlich auch ohne aufwendige Themenrotation.
Die wichtigere Frage ist:
Kann THRW nach Kosten langfristig besser abschneiden als ein einfacher MSCI-World-ETF?
Wenn nicht, wäre die zusätzliche Komplexität kaum gerechtfertigt.
0,60 % Kosten sind die erste Hürde
Die Gesamtkostenquote von THRW beträgt 0,60 % pro Jahr.
Für einen aktiv verwalteten ETF ist das nicht ungewöhnlich.
Gegenüber einem günstigen Welt-ETF ist es aber ein erheblicher Unterschied.
Ein klassischer MSCI-World-ETF kostet teilweise weniger als 0,20 % jährlich.
THRW muss deshalb bereits einen gewissen Mehrwert generieren, nur um seine höheren Gebühren zu kompensieren.
Das bedeutet:
Die Themenrotation muss funktionieren.
Ein interessantes Konzept allein reicht nicht.
Die Bewertung ist nicht gerade günstig
Das aktuelle Portfolio weist ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 27 sowie ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von rund 5,1 auf.
Das deutet darauf hin, dass THRW momentan durchaus wachstumsorientiert positioniert ist.
Ein Schnäppchen-ETF ist das Portfolio damit nicht.
Das muss grundsätzlich kein Problem sein.
Unternehmen mit überdurchschnittlichem Wachstum verdienen häufig höhere Bewertungen.
Allerdings bedeutet eine hohe Bewertung auch:
Die Erwartungen sind bereits entsprechend hoch.
Sollten Wachstum, Gewinne oder Marktstimmung enttäuschen, können solche Portfolios stärker korrigieren.
Das Spannendste an THRW: Das Modell selbst
Eigentlich investiert man bei THRW nicht nur in Aktien.
Man investiert auch in eine Entscheidungsmaschine.
BlackRock versucht mit riesigen Datenmengen herauszufinden:
- Welche strukturellen Trends gewinnen an Bedeutung?
- Welche Unternehmen sind tatsächlich diesen Trends ausgesetzt?
- Wie attraktiv sind diese Unternehmen aktuell?
- Welche Themen sollten höher oder niedriger gewichtet werden?
- Wann sollte das Portfolio neu positioniert werden?
Besonders interessant ist dabei der Einsatz von Large Language Models.
LLMs können grosse Mengen unstrukturierter Informationen analysieren – beispielsweise Unternehmensberichte, Texte, Nachrichten oder andere Datensätze – und Zusammenhänge identifizieren, die mit klassischen quantitativen Daten schwieriger erfassbar sind.
Für Themeninvestments kann das durchaus relevant sein.
Unternehmen lassen sich heute häufig nicht mehr sauber einem einzigen Sektor zuordnen.
Ein Industriekonzern kann gleichzeitig von:
- AI
- Robotik
- Rechenzentren
- Energiewende
- Automatisierung
profitieren.
Ein intelligentes Modell könnte solche Zusammenhänge möglicherweise schneller erkennen als traditionelle Indexmethoden.
Genau darin liegt aber auch ein Risiko
Quantitative Modelle sind keine Kristallkugeln.
BlackRock weist selbst darauf hin, dass sich Marktdynamiken verändern können und quantitative Modelle unter bestimmten Marktbedingungen weniger effizient funktionieren oder Schwächen aufweisen können.
Das ist ein wichtiger Punkt.
Ein Modell kann einen Trend korrekt erkennen und trotzdem Geld verlieren.
Beispielsweise weil:
- das Thema bereits zu teuer bewertet ist,
- sich die Marktstimmung plötzlich dreht,
- historische Zusammenhänge nicht mehr funktionieren,
- Anleger einen anderen Faktor bevorzugen,
- makroökonomische Veränderungen das Modell überraschen.
KI macht einen Fonds nicht automatisch intelligenter als den Markt.
Der Einsatz von AI ist deshalb ein Werkzeug – kein Renditeversprechen.
Noch ein grosses Fragezeichen: Die Historie fehlt
THRW wurde erst am 16. Juni 2026 aufgelegt.
Zum 10. September verwaltete der ETF gerade einmal rund 11,4 Mio. USD.
Damit ist THRW momentan ein sehr junger und kleiner Fonds.
Eine seriöse Aussage über die langfristige Qualität der Strategie ist deshalb heute schlicht nicht möglich.
Wir wissen noch nicht, wie sich die Rotation verhält:
- während eines Crashs,
- bei stark steigenden Zinsen,
- in einer Rezession,
- während einer Value-Rally,
- bei einem Technologie-Crash,
- oder über einen vollständigen Börsenzyklus.
Genau diese Daten werden erst in den kommenden Jahren entstehen.
Ist THRW ein defensiver Allwetter-ETF?
Nein.
Das wäre eine falsche Interpretation.
THRW besteht weiterhin praktisch vollständig aus Aktien.
Die Themenrotation kann Risiken reduzieren oder Schwerpunkte verändern – sie verwandelt Aktien aber nicht in Cash, Gold oder Anleihen.
Bei einem weltweiten Aktiencrash dürfte deshalb auch THRW deutlich fallen.
Die Strategie versucht primär, innerhalb des Aktienmarktes bessere Chancen zu identifizieren.
Das ist etwas völlig anderes als ein klassischer Allwetter-Ansatz, bei dem verschiedene Anlageklassen kombiniert werden.
Wo könnte THRW im Portfolio interessant werden?
Das Konzept eignet sich aus unserer Sicht besonders für Anleger, die grundsätzlich an strukturelle Wachstumstrends glauben, aber nicht zehn verschiedene Themen-ETFs gleichzeitig halten möchten.
Statt separat Positionen in:
- AI
- Robotik
- Cybersecurity
- Healthcare
- Fintech
- Energie
- Digitalisierung
aufzubauen und selbst zu entscheiden, wann welche Position reduziert werden sollte, übernimmt THRW einen grossen Teil dieser Entscheidungen.
Damit könnte der ETF langfristig eine Art aktiv gesteuerter Megatrend-Baustein werden.
Das ist wahrscheinlich die sinnvollste Rolle für THRW.
Nicht als Ersatz für Gold.
Nicht als Ersatz für Cash.
Und auch nicht automatisch als Ersatz für einen günstigen globalen Aktien-ETF.
Sondern als Möglichkeit, mehrere strukturelle Wachstumstrends innerhalb einer einzigen Position aktiv abzubilden.
Die wichtigsten Vorteile
THRW hat einige interessante Eigenschaften:
- systematische Rotation zwischen verschiedenen Trends
- mehr als 300 Positionen
- weltweite Aktien aus Industrieländern
- keine dauerhafte Bindung an einen einzelnen Megatrend
- quantitative Datenanalyse
- Einsatz von AI und Large Language Models
- professionelles Risikomanagement
- automatische Wiederanlage der Erträge
Besonders interessant ist die Kombination aus breiter Diversifikation und aktiver Themenauswahl.
Viele Themen-ETFs bieten entweder das eine oder das andere.
Die wichtigsten Risiken
Genauso klar sind allerdings die Schwächen.
Keine belastbare Historie
Der ETF existiert erst seit Juni 2026.
Wir wissen noch nicht, ob die Strategie über mehrere Marktzyklen tatsächlich Mehrwert erzeugt.
Höhere Kosten
Mit 0,60 % TER muss THRW einen günstigen Welt-ETF erst einmal nach Kosten schlagen.
Modellrisiko
Quantitative Modelle können falsch liegen.
Dass AI und LLMs eingesetzt werden, eliminiert dieses Problem nicht.
Aktienrisiko bleibt bestehen
THRW ist kein Crash-Schutz.
Bei einem schweren globalen Aktienabschwung dürfte auch dieser ETF erheblich verlieren.
Noch sehr kleiner Fonds
Mit aktuell nur rund 11 Mio. USD Fondsvermögen befindet sich THRW noch in einer sehr frühen Phase.
Für einen Anbieter der Grösse von BlackRock ist das zunächst kein aussergewöhnliches Problem, aber die Entwicklung des Fondsvolumens sollte weiter beobachtet werden.
Fazit
THRW ist für uns einer der interessanteren neuen ETF-Ansätze des Jahres 2026.
Nicht weil BlackRock damit den nächsten geheimen Megatrend entdeckt hätte.
Sondern weil der ETF versucht, ein grundlegendes Problem des Themeninvestierens zu lösen:
Wann ist ein Trend attraktiv – und wann sollte man weiterziehen?
Statt dauerhaft auf ein einzelnes Thema zu setzen, lässt THRW ein systematisches Modell verschiedene Trends analysieren und das Portfolio entsprechend rotieren.
Daten, quantitative Modelle, künstliche Intelligenz und Large Language Models spielen dabei eine zentrale Rolle.
Die Idee ist überzeugend.
Ob sie auch bessere Renditen produziert, wissen wir allerdings noch nicht.
Der Fonds ist erst wenige Monate alt, besitzt kaum Track Record und muss erst beweisen, dass seine Themenrotation einen simplen MSCI World nach den höheren Gebühren tatsächlich schlagen kann.
Genau deshalb ist THRW aktuell weniger ein bewiesener Gewinner als ein spannendes Experiment von BlackRock.
Sollte der Ansatz funktionieren, könnte daraus langfristig ein interessanter Baustein zwischen klassischem Welt-ETF und konzentrierten Themeninvestments entstehen.
Wir werden insbesondere beobachten, wie sich die Themengewichtungen verändern und ob THRW in unterschiedlichen Marktphasen tatsächlich schneller auf neue Gewinner reagieren kann als starre Indizes.
Dieser Artikel dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.
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